projekt: gelb 92 / fotoserie: coords

Die Kunstaktion "Gelb 92" wird zur Versuchsreihe, zur einjährigen Recherche über die Muster des Sehens. Eine Farbe tritt an die stelle eines Motivs. Nicht um die künstlerische Hinzufügung geht es, sondern um das Auffinden. GELB wird zum Leitmotiv, um die Gegenstände der Kunst  und des Gebrauchs in Beziehung zu setzen, Wege zwischen Bereichen zu finden, die unsere geübten Formen des Zuordnens immer trennen wollen. Ein abstraktes Bild, eine schnell gezeichnete Chiffre, die Verkleidung eines Balkons und ein Telefonhäuschen werden so zu Eintragungen eines speziellen Koordinatensystems. Die Umwelt selbst wird zum Bild und Bildgrund. ...
tip artikel 1992


Gelb 92 war eine einjährige Untersuchung über ablaufende Konzentrations- und Wahrnehmungsfilter in der Außenprojektion auf Dingwelt und Umwelt, wobei die Farbe GELB sich selbst zum Motiv setzte mit dem Ergebnis: Der Jäger und die Beute entsprechen sich, wahrnehmen und wahrgeben sind eins, wir sind kein Opfer der Geschichte, auf was immer wir uns konzentrieren, wird wachsen.
Hannah Weitemeyer
 

... Der Künstler zum Ende des 20.Jahrhunderts kann im überfüllten Raum der Kunstgeschichte nichts wirklich Neues erschaffen, sondern stellt - nicht unähnlich der Methoden in anderen gesellschaftlichen Bereichen - Zusammenhänge zwischen bereits Vorhandenem her. Wie Wissenschaftler mittlerweile zur Problemlösung auf interdisziplinäre Teams angewiesen sind, verbindet der zeitgenössische Künstler in einem assoziativ-analytischen Vorgang einzelne Objekte aus der Kunstgeschichte und dem Alltag zu einer persönlichen Aussage. Neu sind dabei nicht die Gegenstände, sondern deren Verbindungen. Die Symbol- und Signalfunktion jedes einzelnen Objekts wird zu einer persönlichen Aussage zusammengefügt. Die Endprodukte verlangen vom Betrachter ein Sehen, das im ersten Moment ohne Bewertung die Fragmente zu einem Ganzen werden läßt. Erst dann kann die persönliche Aussage herausgelesen werden. Dieses Sehen als zusammenfügen von Fragmenten, könnte man als Technisches Sehen bezeichnen...

... Wenn Günther alltägliche Objekte in Beziehung zu rein ästhetischen setzt, schafft er einen ästhetischen Rahmen mit neuer Qualität. Die Objekte werden nicht gegenübergestellt, sondern ergänzen sich aneinander. Da die Kunst in ihrem Bestreben nach Einreißen immer neuerer Grenzen auch an diesen zarten Grenzen zwischen Kunst und Alltag mehrfach gerüttelt hat, ist die Grundlage bereits geschaffen worden, alltägliche Straßensituationen durch Einfügen eines Kunstwerks zu einem Gesamtkunstwerk werden zu lassen. Günther versucht einen Schritt weiter zu gehen und definiert die Objekte durch die Neusetzung des Kontextes nicht um. Die Poesie der Objekte ist eine Korrelation ihrer Zeichenhaftigkeit...

Thomas Sakschewski
aus: Zone Reality, Projektbroschüre, Berlin 1992