videogemälde / in search of hope

... Bekanntlich haben Bilder eine Sehrichtung. Dreht man beispielsweise ein Gemälde, das an einer Wand hängt, um, schaut man auf die Rückseite. Was man dann sieht, ist in der Regel enttäuschend, denn Bilder haben nur eine Schauseite, nicht etwa zwei wie eine Münze. Trotzdem können wir uns vorstellen, immer nur die Vorderseite von Bildern anzuschauen ohne dadurch den Eindruck zu gewinnen, wir sähen nur die Hälfte. Daran sind wir gewöhnt. Alles geht sozusagen in eine Sehrichtung: Überall „läuft“ etwas, sind Fernseher eingeschaltet, werden Filme auf Leinwände projeziert oder ist jede Situation auf Fotoapparaten oder Handys abbildbar und sogleich weltweit vernetzt kommunizierbar. Dennoch glauben wir, viele Ansichten zu haben: Um uns schließt sich ein Kreis, der von überall her gebildet wird und in dem an jeder Stelle pausenlos Bilder erscheinen können. Allein die Rückseite der Bilder wird negiert. Das muss auch so sein, denn wir können immer nur die uns zugewandte Seite sehen. Wir brauchen uns dies nicht immer bewusst zu machen, wir können darüber hinwegsehen, wir vergessen das. ... Es ist für uns kein Problem, den Ausgangsstandpunkt, also den Beobachterstandort zu ändern und dadurch die Sehrichtung zu wechseln. ... Unter dem Strich ist hier erst einmal festzuhalten: Da wir den Blickwinkel und Standort jederzeit ändern können, glauben wir, sozusagen in jede Ecke zu schauen. Es gibt in der erschlossenen, umstellten Bilderwelt für uns keinen Rest.

Arthur Engelbert, 2009

Auszug aus dem Katalog:
Detlef Günther HEAVEN OPENS
erschienen im Wasmuth Verlag, Tübingen
ISBN 978-3-8030-3340-6