Der Tag heute …

GELB 92 oder „Der Tag heute davor und dahinter und mittendrin“ –
(Notizen zu einem Ateliergespräch von Christian Schneegass)

Ein zweites Mal im Atelier des Künstlers, bat mich Detlef Günther darum, ihn bei seinem groß angelegten Experiment „GELB 92“, das sich über den Zeitraum eines ganzen Jahres hinziehen solle, mit einem Text zu unterstützen. Da es für mich eine neue Erfahrung ist, vorab für etwas zu schreiben, was bisher nur als reine Vorstellung eines anderen, in konzeptionellen Überlegungen und einigen Werkbeispielen stellvertretend zu veranschaulichen war, ließ ich mich zunächst nur auf ein Gespräch ein, das sich jedoch mühelos über acht Stunden hinzog. In den folgenden Notizen versuche ich aus der Erinnerung und anhand einiger marginalen Stichworte die Hauptgedanken nochmals zusammenzufassen. Im Verlauf des Gespräches und der gemeinsamen Erörterung von Bildern und Zeichnungen und Objekten kreisten unsere Dialoge immer wieder um die gleichen Grundfragen, die sich aus den Konsequenzen der Forderung des Künstlers ergeben: „Der Anspruch an das Bild muss wieder bescheidener werden. Das Bild ist von dem Bildcharakter zu trennen und dem Raum zuzuführen“. (1990) Es ist die Antwort des Künstlers auf die Beobachtung alles eitel „Geblähten und „sich Blähenden“ in unserer Zeit auf die Furcht, dass die Unempfindlichkeit gegenüber allem Natürlichen oder doch wenigstens Humanen zunimmt, dass „das Metallische wächst“: denn „Ablenkung von Moment zu Moment ist“ für ihn „Sterben ohne Geburt. (Eine) Befindlichkeit“, die heute im medienbestimmten Alltag vorherrscht. – Während unseres Dialoges fiel mein Blick auf die großformatige Collage mit einem riesigen orangeroten Ohr und zur Rechten auf eine Modell-Bühne für verschieden Präsentationsversuche, auf der ein plastisch in den Raum gestelltes geometrisiertes Baum-Symbol noch mit weihnachtlich improvisiertem Schmuck im starren Kunstlicht der verkabelten Elektrokerzen glühte, während sich über uns schon allmählich die hereinschleichende samtene Dunkelheit des kurzen Wintertages legte.

Helles Gelb ist bekanntlich die Symbolfarbe für das Licht der Sonne, den Intellekt, aber auch die Intuition, den Glauben und die Güte, dunkles Gleb dagegen steht für Verrat, Eifersucht, Geiz und Falschheit. Bedeutet die safranfarbene Kutte des buddhistischen Mönches Entsagung, Wunschlosigkeit und Demut, so versinnlicht die Farbe Gelf für die Chinesen die Erde und das Zentrum. Seit dem Mittelalter galt Gelb auch als Kennzeichen der Außenseiter und Ausgestoßenen der Gesellschaft, wie etwa für Narren und Juden.

„Gelb 92“ ist der Titel eines Projektes, mit dem sich Detlef Günther nach einem Jahr der Zurückgezogenheit und Besinnung erneut der Öffentlichkeit stellen und den Menschen mit einer erweiterten Botschaft seiner Kunst zuwenden möchte. Wer ihn und seine alten Bilder und Zeichnungen kennt, der weiß von seiner Reflektiertheit über wahrnehmungspsychologische Vorgänge im Prozess der bildnerischen Arbeit wie der Betrachtung selbst.

„Vom Drinnen und Vom Draußen“ – Echo

Um 1988 herum widmetet Günther seine Arbeiten dem Thema „Der Blick“, in dem er Beziehungen zwischen Innen- und Außenwelten untersuchte. Neben konzentrischen Rechteckfeldern, die teils von anderen Elementen durchdrungen waren, lie0 er symbolisch für den reflexiven Blick dunkle und helle Kopfformen im Bild agieren. 1990/91 folgte die Auseinandersetzung mit dem Thema „Die Wand“ bzw. dessen Weiterführung in der Wiederaufnahme der Idee „Horizont“ von 1988. Die Bilderwand als Teil des Bildes oder dreidimensional zu Guckkasten erweitert als eine Möglichkeit, „unbedingte Plätze“ für Präsentationsformen aller Art zu schaffen („In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“), wurde ebenso bildnerisch durchexerziert wie die unterschiedliche Wirkung gleichartiger Bilder vor wechselnd strukturierten Wand-, Bild- oder Rahmenflächen mit gleichförmig industriell gefertigten Gazestoffen, deren Muster teilweise auch als Schleier die so „gewandeten“ Bilder verrätselten.

„Es gibt Banales und Außerordentliches und Alltägliches“ – „ Es durchdringt sich gegenseitig“

Darauf folgten Versuche, mit einigen, sich aus den komplexen Bild-im-Bild-Kompositionen herauslösenden und immer wiederkehrenden Symbol-Zeichen über die kunstimmanenten Ausstellungsräume buchstäblich hinauszugehen und ins „Frei“ durchzubrechen. Die Vorstellung eines beliebig austauschbaren Hintergrundes der realen Außenwelt von Natur und Stadt führte zu Fotoserien und Collagen, in denen Bilder und sich emanzipierende Zeichen als Affiches, also Wandzettel oder Aufkleber, an allen nur denkbaren Orten der Alltagswirklichkeit in unterschiedlichstem, aber dokumentarisch nur ausschnitthaft einbezogenen Ambiente angebracht wurden. Diese vorerst als Blattfolgen zusammengestellten Bildserien in Fotos und Zeichnungen bilden die Grundlage für das neue Projekt „Gelb 92“.

Auf sechs schablonenhaften flächige Silhouetten reduzierte „eigenwillige“ Symbole seiner bisherigen Bilderwelt will sich Detlef Günther beschränken, wenn er dieses Jahr nun mit diesen figürlichen und abstrakten Signalformen und einige Blattfolgen neuer Zeichnungen im öffentlichen Raum der Straßen, Plätze und Parks, aber auch in der elektromechanischen Wandzeitung am Ku’damm-Eck, in Kneipen und deren WCs, aber auch im Werbevorspann einiger Kinos von Berlin temporäre Eingriffe und Veränderungen durch Kunst im Alltag vornimmt. Er reagiert damit auf die immer künstlicher werdende Lebenswelt, die die ehemalige Wirklichkeit mehr und mehr in den Bereich des Außergewöhnlichen und somit in den öffentlichen Sammlungsort der Kunst verdrängt. Nicht nur Günther hat bereits derart erschreckende Visionen von Bewahranstalten, in denen sich das natürliche Leben zukünftig vielleicht nur noch in Nachbildungen museal aufbereitet betrachten lässt und nicht mehr wie bisher auch außerhalb noch erfahren werden kann.

Gelb und Kornblumenblau

Nun drängt es den Künstler mit seinen Werken auf die Straße. Subversiv sucht er seinen bisherigen Umgang mit den Bilder – „ein Bild ist (nur ) eine Bild“ – so zu erweitern, dass die kreatürlichen Wahrnehmungs- und instinktiven Orientierungseigenschaften des Menschen auf’s Neue spielerische geweckt werde. Solidarisch mit den Naturbegabungen des Menschen, will Detlef Günther die Wellen der Reizüberflutung brechen und mediale Konsummuster durch feinsinnige Bildinvasionen in den Alltag wahrnehmungs- und bewusstseinsverändernd irritieren. Seine Kunst, mit Bildsymbolen angewandt umzugehen, tendiert zur Transzendierung der Kunsterfahrung in die alltägliche Umwelterfahrung, zur Durchdringung von Kunst und Lebenskunst. In ihr sieht er eine Verpflichtung auf sich selbst als eine Verkörperung von Natur, aber durch die Kunst neu begründet, Kunst als Hinweis auf „Eigenbedarf. Es kommt ja alles darauf an“.

„Im Flüsterton an den Dingen vorbei“

Mit Schemen für Mann und Frau als Sinnbild für den Menschen schlechthin, einem Ort als Zeichen für Stille, Hinhören auf Zwischentöne und eher im Verborgenden wahrzunehmenden Dimensionen, einem Pferd als Metapher für die Verbindung von Mensch und Tier, natürliches Transportmittel und Freiheit, dem Delphin als Überbringer der Seelen ins Totenreich, dem allseits gestutzten Baum als Gleichnis für die gekreuzigte Natur und den darin sich zu behauptenden Menschen und einem gelben „Schnörkel“, einer Locken-, Wellen- oder Spiralform, der die Bedeutung von spielerischer Heiterkeit, Lebensfreude, Humor und in der Meditation lichthaft erscheinender geistiger Kraft zukommt, verlässt Detlef Günther sein Atelier und sucht Begegnung mit dem Zufall, den Menschen ohne Kunsterwartung und alltäglichen Situationen.

Für „kurze Zeit Ruhe“

Im Zentrum des Projekts „Gelb 92“ steht ein Raum, den Detlef Günther zusammen mit dem Galeristen Thomas Sakschewski eingerichtet hat. Dieser soll das ganze Jahr über immer wieder neu als Treffpunkt dienen. Er ist das Herz, der wie ein Blutkreislauf durch die Stadt gepumpten Zeichen- und Bildaktionen, deren Fotodokumentationen hier zusammen mit den Originalen nebst stellvertretenden Dauerzeichen und Symbolobjekten wie – Bildern und bildhaften Kompositionen ständig im Wechsel mit verschiedenen Performances oder Happenings zu sehen sein werden.

Christian Schneegass
Berlin, den 18.01.92